Donnerstag, 3. Juni 2010

Darauf einen Dujardin

Radtour am linken Rheinufer von Rheinhausen (Bf.) über Uerdingen, Meerbusch und Düsseldorf bis Neuss (Hbf.) - 46 km / 5:45 h (incl. Bahnfahrt und Besichtigung)



Bei diesem warmen, sonnigen Feiertagswetter ist eine Radtour einfach Pflicht. Das denken sich außer uns noch viele andere. Deshalb wird es im Zug Richtung Ruhrgebiet so voll. Wir fürchten fast, in Rheinhausen nicht aussteigen zu können. „Dann müssen ein paar andere Radfahrer mal eben ’raus“, meint die Liebste. „Das kommt gar nicht in Frage“, erschallt es da mit wohl bekannter Stimme. Was für eine Überraschung, F. aus unserem monatlichen Debattierclub ist ebenfalls mit Rad und Bahn unterwegs. Mit seiner Frau will er von Duisburg aus eine Industriekulturroute entlang radeln. Doch auch unsere vertraute, linksrheinische Tour (diesmal, auch wenn's schwer fällt, garantiert ohne Brückenfotos, die gibt's bereits dort) wird mit einem industriekulturellen Extra aufwarten, mit dem wir nicht gerechnet haben.




Nachdem man uns freundlich aus dem Zug gelassen hat, schlagen wir uns in Rheinhausen am Rande des ehemaligen Krupp-Geländes bis zum Rheindeich durch. Nicht ohne zuvor einen Blick auf das wunderbare Ensemble der bis auf ein restauriertes Haus leider seit vielen Jahren leer stehenden, verrammelten Beamtensiedlung in ihrem parkähnlichen Ambiente zu werfen. An einem Haus wird offenbar gearbeitet, aber das könnte auch die Vorbereitung zum Abriss sein.





Vom grün eingebetteten Rheindeich aus sehen wir am anderen Rheinufer das letzte Stahlwerk im Duisburger Süden in Aktion. Wie lange noch? An dem beschaulichen, kleinen Dorfkern von Friemersheim vorbei führt der Weg zwischen Streuobstwiesen mit Pferdebestand und am Altrheinarm De Roos ein Stück landeinwärts bis zur Hohenbudberger Eisenbahnsiedlung mit ihrem schönen Wasserturm. Weidende Schafe vor der Silhouette der Uerdinger Rheinbrücke. Ab zuvor müssen wir noch die Uerdinger Bayer-Werke mit ihrem typischen Chemiegeruch passieren und die verfallenen Hafengebäude.




An der alten Dujardin-Brennerei fehlt auch schon der markante, alte Kessel; er wird aber nur restauriert, wie wir dann erfahren. R. erinnert sich, dass man die Anlage inzwischen besichtigen kann. Wir haben Glück. Es ist nicht nur geöffnet, wir bekommen auch gleich eine Führung angeboten - für uns ganz allein. Die nehmen wir doch gerne wahr. Die größte Brennerei Deutschlands nahm in diesem inzwischen denkmalgeschützten Gebäudekomplex 1930 ihren Betrieb auf, der im Krieg völlig zerbombt, aber 1947 wieder aufgebaut wurde. Rund 450 Mitarbeiter waren hier tätig. Bis 1991 wurden vor allem Deutscher Weinbrand der Marke Dujardin (der seit dem Versailler Vertrag nicht mehr Cognac heißen durfte) und Uerdinger, ein Wacholderschnaps, gebrannt. 2003 stellte dann auch die verbliebene Abfüllanlage ihren Betrieb ein. Die Rohstoffe aus Frankreich wurden in Tankzügen über einen eigenen Eisenbahnanschluss angeliefert, nach dem Krieg war sogar zwanzig Jahre lang ein eigenes Schiff, die „Imperial“, im Einsatz.




Wir bekommen bei unserem Rundgang quasi aus erster Hand - von einem ehemaligen Mitarbeiter. der hier über 35 Jahre tätig war - freundlich und sachkundig den ganzen Brenn-, Lager- und Abfüllvorgang erklärt. Wir werfen einen Blick auf eindrucksvolle Brennkessel und Eichenholzfässer in allen Größen, alte Werkstätten und Zollbüros. Ein tolles, privates Industriemuseum - direkt vor der eigenen Haustür, unbedingt empfehlenswert. Anschließend gibt es noch einen Schluck aufs Haus, R. wählt einen Weinbrand, ich den Wacholderschnaps. Im Laden erwerbe ich - mehr um diese tolle Initiative zu unterstützen und weniger, weil wir ausgesprochene Weinbrandliebhaber sind - eine Flasche des edelsten Tropfen (acht Jahre gelagert, vierzig Jahre alte Destillate) als Mitbringself für zuhause. Nur leicht betüddert, nehmen wir die Fahrt wieder auf.





Unter der Uerdinger Rheinbrücke hindurch, über die Linner Hafendrehbrücke führt uns die Tour nach Nierst, wo wir eine Mittagsrast am Rheinstrand einlegen. Wir verzehren die mitgenommen Brötchen, gekochten Eier und Tomaten. Frachtschiffe auf dem Rhein, Flugzeuge im Landeanflug in der Luft, Millionärsvillen am anderen Rheinufer. Die Fähre nach Kaiserswerth lassen wir links liegen, die Meerbuscher Rheinbrücke unterqueren wir auf dem Rheindeich. Sommerblumenwiesen, grünes Getreide.




Je mehr wir uns Düsseldorf nähern, desto voller wird es. Das kann auch schon mal nerven. Getreu dem Motto „Ich bremse nicht für Tussen“ setzt R. mehr als einmal ihre Klingel ein. Bei Mönchenwerth hocken wir uns ein zweites Mal ans Rheinufer. Ein Hundestrand, die Liebste ist Feuer und Flamme, Hunde aller Rassen am und im Wasser. Das Düsseldorfer Rheinufer, am Löricker Freibad vorbei und unter der Theodor-Heuss-, Oberkasseler und Rheinkiebrücke hindurch, ist sehr rummelig (dennoch kein Vergleich zum rechten Rheinufer), aber dann wird’s wieder ruhiger. Auf der Höhe des Kohlekraftwerks weiden Schafe beiderseits des Flusses.




Am Neusser Hafen verlassen wir den Rhein. Eher trostlose Gewerbegebiete, verwirrende Brückenkonstruktionen. Am Hauptbahnhof in Neuss müssen wir nicht lange auf unseren Zug nach Mönchengladbach warten. Zuhause - R. ist noch topfit, ich dagegen müde - lädt uns der heimatliche Balkon zu einem entspannten Nachmittag ein.




Die ehemalige Weinbrennerei Dujardin liegt in Krefeld-Uerdingen auf der Hohenbudberger Straße 4-10 (Anfahrt siehe dort). Der nette Biergarten im Hof ist montags bis freitags ab 16 Uhr, samstags und sonntags ab 12 Uhr geöffnet. Unangemeldete Führungen durch die Brennerei finden samstags und sonntags zur vollen Stunde von 10 bis 15 Uhr statt (€ 4,50 pro Person), dann ist auch der kleine Verkaufsladen geöffnet.

1 Kommentar:

Sunshine hat gesagt…

What a lovely find - and trip. I've organised a cycle tour today, so best be getting on with making sandwiches...