Samstag, 31. Dezember 2011

Kellys Kulturreport 2011, Teil 3: Musik des Jahres

Konservativer Musikgeschmack, konservative Hörgewohnheiten: Da ich keine Musik aus dem Internet lade und nicht einmal einen MP3-Spieler besitze, hat das klassische Album noch lange nicht ausgedient, nur noch selten als LP erworben oder irgendwo ausgeliehen, sondern meistens als CD gekauft (der wichtigste Dealer bleibt GLITTERHOUSE).  

Top Ten: Neue Alben (und ein Nachzügler von 2010)  
      • P.J. Harvey: LET ENGLAND SHAKE (CD, UK 2011, ++/+++), spätes, meist eingängiges, manchmal sperriges, tiefgründiges Meisterwek über England und über den Krieg  
      • Low: C’MON (CD, USA 2011, ++), altgediente Slow Core-Heroen aus Dylans Geburtsort, die ich noch gar nicht kannte, mit einem wahrhaft erhabenen Album 
      • John Mascis: SEVERAL WAYS OF WHY (2LP, USA 2011, ++), Acoustic Indie, Dinosaur jr. unplugged, es funktioniert  
      • ZAZ (CD, FR 2010, ++), die sympathischste Gute-Laune-Platte des Jahres; leider verstehe ich die französischen Texte nicht 
      • Feist: METALS (CD, CAN 2011, ++), ihr bislang bestes, etwas kantigeres und nicht ganz so seichtes Werk
      • The Middle East: I WANT THAT YOU ARE ALWAYS HAPPY (2LP, AUS 2011, ++), australisches Kollektiv, musikalisch nicht festzulegen, aber eher ruhige Indiemusik mit Folkanleihen 
      • Fatoumata Diawara: FATOU (CD, Mali 2011, ++), alle Jahre wieder eine wunderbare Entdeckung aus Mali  
      • HURRAY FOR THE RIFF RAFF (CD, USA 2011, ++), selbst geschriebener Neo Folk, der nach uralten Traditionals klingt  
      • Dakota Suite: THE NORTH GREEN DOWN (CD, UK 2010, ++), THE HEARTS OF EMPTY (LP, UK 2011, ++), THE SIDE OF HER INEXHAUSTIBLE HEART (2CD, UK 2011, +/++), überwiegend instrumentaler Weltschmerz aus Leeds  
          The Rest Of The Best  

          Neben all den neuen Sachen der guten, alten Bekannten, die man als Fan natürlich allesamt haben muss: Tom Waits (BAD AS ME), Holly Golightly And The Brokeoffs (NO HELP COMING), 17 Hippies (PHANTOM SONGS), Joe Henry (REVERIE), The Fall (ERSATZ GB), Thuston Moore (DEMOLISHED THOUGHTS), Howe Gelb (A BAND OF GYPSIES), Cowboy Junkies (DEMONG und SING IN MY MEADOWS), Kate Bush (50 WORDS FOR SNOW), Gilian Welch (THE HARROW AND THE HARVEST), Ho Orchestra (mit NITS-Beteiligung: SPOON RIVER. A LAKESIDE CONCERT), The Walkabouts (TRAVELS IN DUSTLAND), Lucinda Williams (BLESSED) sowie den wiedervereinten Feelies (HERE BEFORE) und Magazine (NO THYSELF), noch etwas weniger Vertrautes: 
          • Tedeschi Trucks Band: REVELATOR (CD, USA 2011, +/++), die erste offizielle, gemeinsame Platte von Susan Tedeschi mit der Band ihres Mannes Derek Trucks klingt, als hätten Bonie Raitt und die Allman Brothers zusammen eine Session gespielt  
          • Mary Orcher: WAR SONGS (CD, D 2011, ++) das Gegenteil von Boy: sperrige, toughe Songs über Gewalt und Krieg mit gewöhnungsbedürftiger Stimme vorgetragen    
          • Boy: MUTUAL FRIENDS (2CD, D/CH 2011, +/++), das deutsch-schweizer Mädchenduo wildert in den Gefilden von Kings Of Convenience, Cocoon und Feist, nett anzuhören und anzusehen, aber etwas harmlos und leichtgewichtig 
          • VERONICA FALLS (CD, UK 2011, +/++), klassischer englischer Indie-Schrammel-Rock mit leichten Surfanklängen  
          • The C-Types: DEVIL ON 45 (D 2011, +/++), abenteuerliche Mixtur aus Surf- und TexMex-Klängen wie für einen noch nicht gedrehten, schrägen Film  
          • Les Hommes Sauvages: VIVE LA TRANCE (D 2010, +/++), klingt auch sehr filmisch, eindringliche und zeitlose Mischung aus erlesenen Coverversionen und Eigenmaterial, die nahtlos miteinander verschmilzt
          • THE EXCELLOS (MiniLP, UK 2011), rüder Retro Blues Rock, der mich auch an die frühen Yardbirds und amerikanischen Garagenbands der Sechziger erinnert 
          • MIRACULOUS MULE (MiniLP, UK 2011, +/++), Coverversionen von Traditionals in einem ganz eigenen Psychedelic Gospel Blues-Gewand   
          Die besten Oldies 
              • Moondog: MOONDOG 1 und 2 (2 CD, USA 1969/70, ++); THE GERMAN YEARS 1977-1999 (2CD, ++), ELPMAS (CD, D/UK 1991, ++), SAX PAX FOR A SAX (und The London Saxophonic, CD, D/UK 1994, ++), die Entdeckung des Jahres, weder Jazz noch Klassik, rätselhafte Musik, aber begeisternd und verzaubernd 
              • Cowboy Junkies: LONG JOURNEY HOME (CD/DVD, live 2005, ++/+++), was für eine wunderbare Platte der Kanadier, da stehen mir schon die Tränen in den Augen, wenn nach dem ewig langen, instrumentalen Intro Margo Timmins die ersten Zeilen von "Sweet Jane" anstimmt
              • Miss Kenichi: FOX (D 2008, ++), warum ist dieses tolle Album zwischen Indie und Singer/Songwriter kein Hit, warum diese Frau kein Star? 
              • Martin Simpson, David Hidalgo, Viji Krishnan, Puvalur Srinivasan: KAMBARA MUSIC IN NATIVE TONGUES (UK/USA/Sri Lanka 1998, ++), grenzüberschreitendes und Maßstäbe setzendes Weltmusikabenteuer 
              • O.S.T./Diverse: UNTIL THE END OF THE WORLD (= amerikanische Fassung des Soundtrack von Wenders "Bis ans Ende der Welt", 1991, ++), wiederentdeckte (einst auf MC aufgenommene) Sammlung ansonsten unveröffentlichter Songperlen von Can bis R.E.M., Patti Smith bis Elvis Costello
              • Talk Talk: SPIRIT OF EDEN (Tip von J., UK 1988, ++), bizarres, spätes Meisterwerk der zuvor so belanglosen, britischen Synthiepopband 
              • Bon Iver: FOR EMMA, FOREVER AGO (USA 2008, ++), sparsames, konzentriertes Debütalbum von Justin Vernon, kein Vergleich mit seinem überproduzierten Werk von 2011 
              • Mamas and Papas: COMPLETE ANTHOLOGY (USA 1966-1971), kometenhafter Aufstieg und rasches Verglühen, ansonsten neben den Beach Boys vielleicht die einzige amerikanische Band der Mittsechziger, die den Beatles hätten Paroli bieten können 
              • Cocoon: MY FRIENDS ALL DIED IN A PLANE CRASH (CD, FR 2008, +/++) bittersüßes Debüt des französischen, aber Englisch singenden Duos auf den Spuren von Kings Of Convenience, dem trotzdem der große internationale Durchbruch verwehrt bleibt 
              • Richie Havens: LIVE AT THE CELLAR DOOR (CD, USA live 1970, +/++), tolles Konzert mit Coverversionen von Dylan, The Band, George Harrison, James Taylor u.a. 
              • Leon Russel: THE BEST OF (CD, USA 1970-2010, +/++), Karriereüberblick von seinem glorreichen Concert For Bangladesh-Auftritt (Jumpin’ Jack Flash/Young Blood-Medley) bis zur Kollaboration mit Elton John 
              • Calexico. SELECTIONS FROM ROAD ATLAS 1998-2011 (CD, USA 2011, +/++), nette Raritätensammlung, die das Warten auf das nächste Album verkürzt  
              • sowie allerlei Kram von Elmore James, Gene Vincent, Sam Cooke, Nina Simone, Alexis Korner, Maria Muldaur, Kevin Coyne, Penguin Café Orchestra, Black Crowes, Dead Can Dance, Low und Gomez - to name, but a few
                  Enttäuschungen 2012 

                  Anna Calvi, The Silos, Bon Iver, The Kills, Josh T. Pearson, Beirut, Eddie Vedder 

                  Konzert 
                  Konzertfilme/Musikdokus  
                  • Cowboy Junkies, live in Liverpool, 2005, DVD, +++ 
                  • P.J. Harvey, live in Paris 2011, TV: Arte, ++ 
                  • BBC 4-Doku über Sister Rosetta Tharpe, TV, ++
                  • BBC 4-Doku über den englischen klassischen Komponisten Gustav Holst, TV, +/++
                  • Adele, live in London, DVD, + 
                  • Joe Strummer - The Future Is Unwritten, siehe auch Filme/Dokus
                  Dead, but not forgotten

                  Natürlich ist es traurig, dass Amy Whinehous und Gil Scott-Heron gestorben sind, bemerkenswert, das sich die White Stripes und R.E.M. aufgelöst, Kim Gordon und Thurston Moore getrennt haben, aber für mich das musikalisch erschütterndste Ereignis des Jahres ist der Tod von FRANZ-JOSEF DEGENHARDT (ich verweise hier noch mal auf meinen persönlichen Nachruf).