Donnerstag, 5. Januar 2012
Sturm und Drang
Der letzte Wetterbericht für diese Woche. Versprochen. Das nächtliche Unwetter scheint noch einmal glimpflich verlaufen zu sein. Also schlage ich die fernmündliche, mütterliche Warnung und den persönlichen Appell der Liebsten in den Wind und sattele, wie gewohnt, mein Fahrrad. Anstelle des Regenüberwurfs, der zu viel Angriffsfläche für den Sturm bietet, ziehe ich meine unwettererprobte Schutzkleidung an: die Regenhose von Aldi und die schwarz-neongelbe Regenjacke aus dem Baumarkt. Darin komme ich mir zwar immer vor, als müsste ich gleich ein Katastrophengebiet absperren oder ein bedrohtes Gebäude räumen. Aber dafür ist die Jacke garantiert regendicht, und die breiten Reflektoren machen mich auch dann noch gut sichtbar, wenn das Licht am Rad ausfällt. Unterwegs sehe ich nur einen einzigen Radfahrer, Herrn R., einen Lehrer der Krankenpflegeschule. Aber der zählt nicht, gehört er doch zu den ganz Harten und radelt grundsätzlich jeden Tag die gesamte Strecke von Neuwerk zur Arbeit. Das Wetter verhindert eine gepflegte Konservation, obwohl es ein prima Gesprächsthema abgeben würde. Daher lasse ich ihn von dannen ziehen. In Süchteln hat jeder von uns seine eigenen Wege, sie kreuzen sich heute noch zweimal. Der Wind weht gleichmäßig stark, das macht ihnen berechenbarer und die Fahrt einfacher als neulich nachmittags. Es gibt kaum Hindernisse unterwegs. Das einzige, was sich mir in den Weg stellt, sind im Ort die großen, noch nicht geleerten Mülltonnen. Aber die hat nicht der Sturm auf den Radweg gestellt. Als ich etwas schweißgebadet, aber trockenen Fußes am Büro ankomme, besteigt die Angestellte der Reinigungsfirma gerade ihren Wagen der gehobenen Mittelklasse.Nach einer halben Stunde im Büro, bricht dann draußen doch noch die Hölle los. Da es noch gar nicht hell geworden ist, kann man nicht sagen, es sei mit einem Schlag stockfinstere Nacht. Aber es scheint noch düsterer als gewöhnlich. Starless and Bible black. Bis die ersten Blitze am Himmel zucken. Es kracht, ein mächtiges Rauschen geht durch die Bäume und dann prasselt auch schon der Regen gegen die Fensterscheiben. Schnell hole ich meine Rad ins Treppenhaus. Da beginnt es bereits zu hageln. Was bin ich froh, dass ich im Trocken sitze und bei der nachmittäglichen Heimfahrt längst alles wieder vorbei ist.
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