Samstag, 3. März 2012

Zeiten und Gezeiten: Neue, aber vertraute Musik

Anlässlich des 50. Geburtstages von Amnesty International im vergangenen Jahr (gleichzeitig das fünfzigjährige Bühnenjubiläum von Bob Dylan) ist kürzlich die 4 CD-Box „Chimes Of Freedom - The Songs Of Bob Dylan“ (USA/UK 2012, - bis ++) mit lauter bislang unveröffentlichten Dylancovern erschienen. Das freut den Bob Dylan-Fan und den Freund von Coverversionen. Der Reiz einer solchen Sammlung liegt auch in der Mischung vertrauter und mir völlig unbekannter Interpreten sowie der Auswahl (zu) oft gehörter und oft gecoverter oder aber eher randständiger Dylansongs aus ganz unterschiedlichen Phasen seines fünfzigjährigen Schaffens. Natürlich müssen sich diese Aufnahmen nicht nur an einer Unzahl bereits existierender Dylancover messen lassen, sondern auch am Meister selber, der bei seinen Livekonzerten die alten Stücke gerne weiterentwickelt, neu interpretiert und geradezu dekonstruiert - also quasi sich selber covert. Die über 70 Songs von „Chimes of Freedom“ sind aber leider nicht die erhoffte Schatztruhe, sondern eher eine überquellende Rumpelkammer. Die überzeugenden Stücke hätte man gut und gerne auf einer statt auf vier CDs unterbringen können. Viele zu viele Songs sind schlicht überflüssig, weil viel zu bieder, brav und belanglos. Es gibt allerdings positive Ausnahmen, sei es, weil das Original nicht kaputt zu kriegen ist, oder weil das Cover selber originell, also nicht nur inspiriert, sondern auch inspirierend ist. Zu diesen Höhepunkten zählen für mich die Songs von Brett Dennen („You Ain’t Going Nowhere“), My Morning Jacket (eine fragile, reduzierte Version von „You’re A Big Girl Now“), Mariachi el Bronx („Love Sick“), The Airbone Toxic Event (ein Herz zerreißendes „Boots Of Spanish Leather“), Elvis Costello („Licence To Kill“ als ausgefeiltes Kunstlied), Sinead o’Connor (ein kraftvolles „Property Of Jesus“), Ed Roland & The Sweet Tea Project (das unverwüstliche „Shelter From The Storm“), Carolina Chocolate Drops (ein nach uraltem Traditional klingendes „Political World“), Dierks Bentley („Senor (Tales Of Yankee Power“, besser als von Dylan), Kris Kristofferson (eine Countryversion von „Quinn The Eskimo (Mighty Quinn)“), Eric Burdon („Gotta Serve Somebody“) und Marianne Faithfull („Baby Let Me Follow You Down“).

Eine deutlich spannendere und verwegenere Auseinandersetzung mit Dylans Liedgut bietet Deep Schrott, ein Kölner Basssaxophon-Quartett (was ja per se schon sehr abenteuerlich klingt), auf seinem aktuellen Album „Plays Dylan & Eisler“ (D 2011, ++). Auf ihrem Debütalbum „One“ (D 2010, ++) hatten die vier Bläser neben Eigenkompositionen bereits allerlei Klassiker der Rockgeschichte, „Oh Well“ (Fleetwood Mac), „Helter Skelter“ (Beatles), „Stairway To Heaven“ (Led Zeppelin) sowie ein ganzes King Crimson-Medley, genüsslich eingespielt, geradewegs zersägt, aber wieder heil zusammengesetzt. Das machen sie hier nun mit allerlei Gassenhauern aus Bob Dylans frühem Schaffen, die jeder kennt, so dass man damit ein fröhliches Stückeraten spielen kann. Aber abgesehen von Überraschungseffekt und Heiterkeitsausbruch funktioniert das Ganze auch musikalisch - so aberwitzig und abgedreht es auch klingen mag. Das ist wirklich originell und innovativ, eben nicht nur ironisch und augenzwinkernd, sondern auch ernsthaft hörbar. Und als Zugabe gibt es auch noch vier Lieder von Hanns Eisler; zwar sind das Solidaritäts- und das Einheitsfrontlied leider nicht dabei, dafür wird bei „Lob des Kommunismus“ sogar Brechts genialer Text („... das Einfache, das schwer zu machen ist“) rezitiert.  Zum Vormerken: Im Frühling spielt Deep Schrott am Niederrhein und zwar am 10. Mai in Schloss Moyland und am 11. Mai im Süchtelner Weberhaus.

Es ist kein Coveralbum, klingt aber auf ähnliche Weise vertraut: „Between The Times And The Tides“ (USA 2012, ++, Dank an Herrn Kid), das aktuelle Soloalbum von Lee Ranaldo, Gründungsmitglied und Gitarrist bei Sonic Youth. Und das hört man. Während die Seitenprojekte der Bandmitglieder (auch Ranaldo hat schon ein Dutzend veröffentlicht, was ich nicht wusste) oft einen experimentellen oder vom üblichen Bandsound abweichenden Charakter haben, klingen seine Songs nach Sonic Youth ohne Noiseattacken und längere Instrumentalpassagen. Es handelt sich also um einen kompakten, melodischen, manchmal geradezu hymnischen Indierock, wie er auch schon in seiner Hochphase, den Neunzigern, veröffentlicht worden sein könnte. Diese Eingängigkeit, die einem Ranaldos Album so vertraut und zugänglich erscheinen lässt, könnte sich auf Dauer vielleicht noch als Fallstrick erweisen - man wird sehen.

Kommentare:

Deep Schrott hat gesagt…

Hallo, danke für den freundlichen Kommentar zu unserem Album! Wir laden Sie herzlich ein zu unseren Konzerten im Mai in Viersen und Bedburg, also gleich um die Ecke. Besten Gruß von DEEP SCHROTT

Kelly hat gesagt…

Gern geschehen. Toll, dass Sie an den Niederrhein kommen. Das sollte doch klappen, dass ich Sie dort sehe.