Freitag, 20. April 2012

Vorgefahren

Verlängertes Wochenende in Alendorf (Eifel), Teil 1/3

Den überstundenfreien Freitag und einen beruflichen Termin in Köln am Donnerstagnachmittag nutze ich, um schon vorab in die Eifel zu fahren. Die Straßenbahn der Linie 9 bringt mich von Köln-Ostheim (es ist schon auffallend, dass hier sicher neunzig Prozent der Passanten und Bahnfahrer einen Migrationshintergrund haben) durch Kalk, Deutz und die Innenstadt zum Südbahnhof. Von dort geht es mit der Regionalbahn voller Pendler weiter über Euskirchen bis nach Jünkerath. Während in der Ebene die Sträucher und Bäume längst Grün tragen, ist in der Eifel selbst in den geschützten, sonnigen Tallagen noch alles kahl. Unterwegs wechseln sich Regen und Sonne ab, manchmal erscheint auch beides gleichzeitig, dann gibt es einen Regenbogen als Zugabe. Leider habe ich keinen Fensterplatz, so dass ich mich, statt zu fotografieren, damit begnüge, den schmalen Band „Der ParK“ (F 2010, +) von Bruce Bégoit, in einem Rutsch auszulesen; trotz toller Idee mehr der Entwurf eines Romans, als der Roman, den das Büchlein zu sein behauptet. Kurz vor sieben Uhr in Jünkerath eintreffend, helfe ich einem älteren Ehepaar mit ihrem Rollator die Treppen der unwirtlichen, bepissten Bahnunterführung hinab und wieder hinauf. Vor dem Bahnhof wartet kein Taxi, bei der notierten Taxinummer hebt niemand ab, und die Bürgersteige sind bereits hochgeklappt. Ich gehe bis in den Ort und erreiche schließlich über die Auskunft ein Taxi, das mich nach Alendorf bringt. Die Stille des Dorfes ist solch ein Kontrast zum großstädtischen Gewusel in Köln. Und es dauert eine ganze Weile, bis ich gedanklich herunterfahren kann.

Nach einer schlafarmen, aber regenreichen Nacht hängt morgens noch der Dunst über Berg und Tal. Als er sich etwas lichtet und die Sonne durch die Milchglasscheibe am Himmel lugt, schwinge ich mich, nur einen Kaffee intus, mit Mütze und Handschuhen ausstaffiert, auf mein Hollandrad, das ich in der Scheune unserer Freunde deponiert habe, und fahre nach Ripsdorf zum Bäcker, um Brötchen, Schwarzbrot und Teilchen samt Kölner Stadtanzeiger zu besorgen. Weil das trotz fehlender Gangschaltung ganz gut zu bewältigen ist, unternehme ich auf dem Rückweg noch einen Abstecher über Esch und fahre am Odenbach entlang zurück nach Alendorf. Mangels Butter und Aufschnitt verspeise ich ein schmonziges Nougatteilchen zum Frühstück („Let him eat cake“) und werde übermütig: Es müsste doch mit dem Rad zu schaffen sein, bis zum Metzger nach Lissendorf zu fahren und dort den Wochenendeinkauf zu tätigen. Gesagt, getan. Die siebenprozentige Steigung am Ortsausgang von Alendorf ist ein erster Test. Danach ist alles harmlos. Im Gegenteil, hinunter ins Kylltal zum Metzger, geht es sogar fast von alleine. Dort kaufe ich die besonders leckeren Nackenkoteletts und grobe Bratwürste, sowie Schinken, Bauernmettwurst und Fleischwurst am Stück. Jetzt müsse ich nur noch den Rückweg mit dem Rad nach Alendorf schaffen, meine ich zur Metzgerin, die bestätigt, dass der Feusdorfer Berg eine echte Herausforderung ist. Aber ich habe ja meine Belohnung schon dabei,  entgegne ich und weise auf den Einkaufsbeutel. Wir wünschen uns ein schönes Wochenende. Hinter Birgel warten drei heftige, lang gezogene Steigungen auf mich. Einem Radfahrer mit mehr Kondition oder mit einer Gangschaltung würden sie nur ein müdes Lächeln abringen, aber ich bin da schon gefordert. Ächz, stöhn. Über mir kreisen bereits die Geier, äh, Bussarde. Völlig außer Atem, mit rasendem Herzen und ordentlich durchgeschwitzt, schaffe ich es tatsächlich, ohne einmal abzusteigen und schieben zu müssen. Auch ein schönes Gefühl. 

Zuweilen lässt sich sogar blauer Himmel blicken, also noch ein Spaziergang. Die Schlehensträucher am Dorfrand stehen in voller Blüte. Auch eine Hummel ist begeistert. Von Schmetterlingen und Hummelschwebern ist allerdings noch keine Spur. In einem Seitental des Lampertstales stoße ich auf die große Schafherde. Erst höre ich sie, dann sehe ich sie auch. Ihr Blöken wird von den bewaldeten Hängen links und rechts noch vervielfältigt. Zunächst weichen die eingepferchten Tiere wie üblich erschrocken zurück. Aber als ich mich am Zaun hinsetze, kommen sie nach und nach neugierig näher. Gelegenheit für ein paar Porträtaufnahmen.

video

Dann noch eine kleine Runde über den Hemmesberg. Anschließend bin ich so platt, dass ich erst einmal einen Mittagsschlaf brauche. Danach triff schließlich auch die Liebste von Köln aus, wo sie an einer Tagung teilnahm, im Dorf ein. Sie hat noch ein paar Leckereien von ihrem Kölner Lieblingsbäcker und von einem italienischen Großhandel mitgebracht. Das wird wieder ein Wochenende voller Schlemmerei. Gerade wenn ich viel an der frischen Luft bin, ist der Appetit umso größer. Für den sorgt dann auch gleich noch ein vierter Gang vor die Tür, um R. die Schafherde zu zeigen, doch die ist bereits weitergezogen. Diesmal bekommen wir sie weder zu hören noch zu Gesicht.


Kommentare:

Sunshine hat gesagt…

...that was the sugar rush in the nougat...

...yeah, a video....

Lola B. hat gesagt…

Danke!